Die Werkstatt fast am Ende der Welt

Überall nur Feld, Wald und Wiese. Die Redaktion (be)suchte einen ebenso abgelegenen wie erfolgreichen Betrieb in Niedersachsen

„Schwer zu finden.“ Die Ortskundigen hatten mich gewarnt, die Werkstatt von Uwe Thimm liege einsam in der Elbe-Weser-Pampa. Rundherum nur Wiesen, Felder und Wälder, hatten sie gesagt. So recht glauben konnte ich die Erzählungen nicht. Schließlich neigt der Norddeutsche zum Seemannsgarn. Jetzt rolle ich durch Plönjeshausen bei Bremervörde. Die Dorfstraße endet auf dem Werksgelände eines Landhandels. Sackgasse? Nur ein schmaler Feldweg führt weiter. Er mündet in einen dichten Wald. Unwillkürlich kommen bei mir Erinnerungen an Finnland hoch, als ich vor Jahren mit einer zerborstenen Windschutzscheibe am Straßenrand stand. Ein hilfsbereiter Finne bedeutete mir damals, ihm zu folgen. Über schier endlose Waldwege führte er mich zu einer einsamen Scheune, in der sich bis unters Dach Autoscheiben für alle gängigen Marken stapelten. Eine Werkstatt in der Wildnis. Unglaublich. Und so etwas soll es auch bei Plönjeshausen geben!? Ein Holzschild im Wald holt mich zurück: Friedhof links abbiegen. Da will ich nicht hin. Ich bin froh, als mir eine Radfahrerin entgegenkommt. „Zu Uwe Thimm? Immer geradeaus.“ Inzwischen säumen Felder den schmalen Asphaltweg. Ein Wegweiser nach rechts wirbt für Ferien auf dem Bauernhof. Nett, denke ich, wenigstens kein Friedhof. Aber irgendwie ist hier der Hund begraben.

Nachbarn aus umliegenden Dörfern kommen zu Thimm

Ein altes Gehöft mit Holzscheune

Weit vor mir eine Ansammlung von alten Eichen. Sie deuten darauf hin, dass da Menschen wohnen. Tatsächlich. Hinter einer Kurve verläuft der Weg mitten über ein altes Gehöft. Links eine grün gestrichene Holzscheune, rechts ein rotes Bauernhaus aus Backstein. Auf dem Vorplatz, wo früher Traktoren und Mähdrescher rangierten, stehen diverse Autos. Hier muss es sein. Erst beim Aussteigen die Bestätigung. Ein unscheinbares Schild weist auf den Betrieb von Uwe Thimm hin. Die Begrüßung in der Werkstatt fällt ebenso freundlich wie norddeutsch aus. „Moin“, schmettern die Mitarbeiter im Chor. „Der Chef? Zweite Tür rechts.“ Uwe Thimm sitzt vorm Flachbildschirm und bearbeitet die Terminliste. Der Mann strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Der Besucher spürt sofort, hier sitzt einer, der Schritt für Schritt seinen Weg geht und dabei vorankommt. „Was hat Sie bloß geritten, in dieser Einsamkeit eine Werkstatt aufzumachen?“ Uwe Thimm schmunzelt, blinzelt durch die Brille. Dann erzählt er.

Schatzkiste. In der alten Holzscheune wartet der Mercedes W 123 auf seine Restaurierung. Darunter parkt einsatzbereit Uwe Thimms Kawa

Aufträge unterm Apfelbaum

Ursprünglich gehörte der Hof seinem Onkel. Schon damals als Lehrling schraubte er in der grünen Scheune regelmäßig an Autos. Dann half er Freunden, später kamen (entfernte) Nachbarn dazu. „Es hat sich einfach so entwickelt. Irgendwann merkte ich, dass man als Selbstständiger besser verdienen kann“, sagt der 39 Jahre alte Meister und streicht sich dabei über den Vollbart. Der Startschuss fiel 1990. Thimm hatte den Hof inzwischen übernommen und baute die Bauernhausdiele um zur Werkstatt. Prunkstücke: zwei Zwei-Säulen-Bühnen. Aufträge wurden damals noch unterm Apfelbaum zu Papier gebracht. Dazu gab’s für die Kunden selbst gemachten Butterkuchen von der Oma. 2003 kamen im neuen Anbau mit zwei Unterflurbühnen weitere Arbeitsplätze hinzu. Heute beschäftigt er drei Gesellen und zwei Auszubildende. „Alle aus der Gegend“, betont Thimm. „Und wie steht’s mit dem Marketing?“ Uwe Thimm lässt es sich nicht anmerken, aber man ahnt, was er denkt: Solche Fragen können hier nur Städter stellen. Dann antwortet er sachlich: „Ich brauche keine Werbung. Hier läuft alles über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ Was er nicht sagt: Seine beste Werbung ist die Leistung. Die Kunden wirken alle zufrieden. Bei Bedarf gibt es Leihwagen. Die Werkstatt erfüllt moderne Standards: Nußbaum-Bühnen, Bosch-Tester, alles vom Feinsten. „Wenn ich eine neue Maschine brauche, bestelle ich sie. Fertig.“ Der Mann ist Pragmatiker. Seine schnörkellose Zielstrebigkeit dokumentiert auch die Entstehungsgeschichte seines Autohandels im Nachbarort Selsingen. Thimm besaß das Grundstück an der B 71, sein Partner Frank Bennöder einen Berg Pflastersteine. Daraus entstand kurzerhand eine Verkaufsfläche für 50 Autos. Inzwischen steht auf dem Gelände ein neues Bürohaus mit kleiner Werkstatt. Die Vorteile dieser Partnerschaft liegen auf der Hand. Thimm: „Ich kann mich auf mein Kerngeschäft Werkstatt konzentrieren. Mein Partner macht den Verkauf.“ Umgekehrt checkt Thimm die Gebrauchtwagen. Schlag zwölf. Auf seiner zweiten Tour bringt der Matthies-Laster gerade Ersatzteile. Das Werkstatt-Team geht derweil in die einstündige Mittagspause. Hier fährt jeder zum Essen nach Hause. Den kürzesten Weg hat der Chef. Er wohnt mit Ehefrau Susanne und Tochter Insa im hinteren Teil des modernisierten Bauernhauses. Kommt man da überhaupt zur Ruhe? Uwe Thimm grient wieder: „Wir haben zwei Türklingeln. Eine für die Werkstatt und eine mit dem Schild ,Thimm privat‘ mit drei Ausrufungszeichen.“ Die Kunden haben es längst verstanden und respektieren die Grenze. Wohl auch, weil sie wissen: Wenn es wirklich brennt, hilft Uwe Thimm Tag und Nacht. Seine Werkstatt liegt zwar im Abseits, dafür aber voll in der Erfolgsspur. Und seine Körpersprache verrät, dass er das genau weiß. Als ich zum Auto gehe, sagt Uwe Thimm mit Händen in den Hosentaschen: „Soll keiner glauben, dass wir in einer Sackgasse leben. Es gibt noch zwei andere Wege als den über Plönjeshausen, und beide führen zur Bundesstraße.“ Guter Tipp. Einen davon nehme ich dann für die Rückfahrt.